Wilder Sommer – Tabernakel Teil 2

Vor einigen Tagen begann ich an diesem Teil über die Restaurierung der Barockaufsatzkommode zu schreiben. Als ich gestern weiterschreiben wollte, hatte das Internet den Text verschluckt. Ich dachte: eigentlich ist das richtig, denn es war ein sehr pessimistischer Beginn. Ich überlegte, ganz ohne Kommentierung des Zeitgeschehens auszukommen und mich auf die fachliche Darstellung der Restaurierung zu konzentrieren. Heute morgen tauchte der Text wieder auf! Also lasse ich euch an den schwülstigen Gedanken teilhaben:

Hitzerekorde überall – Brände in ganz Europa – Bordeaux stand kurz vor der völligen Evakuierung… Man diskutiert Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden. Könnte man auch Öl ins Feuer giessen! Die Philosophie des Kapitalismus ist Wohlstand durch Wachstum. Die Flüsse trocknen aus, Binnenschifffahrt eingestellt. Atomkraftwerke heruntergefahren. Wie bekommt man die Erkenntnis der Notwendigkeit des massvollen Verzichts in die Köpfe und in die Weltpolitik?? Der Durchbruch mit weltweiten Klimaabkommen liegt in der Vergangenheit. Die ohnehin von vielen Kritikern als zu zaghaft betrachteten Maßnahmen stehen nur noch auf dem Papier; der amtierende „Präsident“ der Vereinigten Staaten wischt sich damit den Arsch.

Das ist also der Sommer 2026!

Ja und wird es den ethischen Kapitalismus geben – wie ihn Markus Gabriel zur Rettung der Demokratie herbeisehnt?

Ich behaupte mal, dass ich ein positiver bzw. optimistischer Mensch bin. Aber ich erwische mich zunehmend, dass ich das Radio während der Nachrichten abstelle. Oder ich wechsele zum Streaminganbieter QOBUZ und höre Musik nach meinem Geschmack. Momentan wieder mehr Jazz inspiriert von der Jazzwerkstatt Peitz Nr63 Mitte August. Das war ein tolles Programm! Hier ein Link zur Jazzwerkstatt für Interessierte. Ich war dort bereits als junger Kerl kurz bevor sie im Jahr 1982 verboten wurde. Der FreeJazz hatte in der DDR eigentlich ein friedliches Nieschendasein, die Veranstaltung wurde den Oberen aber offensichtlich über die Jahre zu suspekt. Ab 2011 wurde das jährliche Festival zum Glück und dank der vielen Organisatoren wieder fortgeführt.

Nun doch zum Möbel: den Schadenszustand der dreiteiligen Aufsatzkommode habe ich im ersten Teil ausführlich beschrieben. Inzwischen sind alle konstruktiven Arbeiten abgeschlossen. Die Rückwand war aus grob gesägten Brettern angenagelt und liess sich leider nicht zerstörungsfrei entfernen. Da im hinteren unteren Bereich offensichtlich die grösste Feuchtigkeit herrschte, war dieser Bereich auch am meisten geschädigt. Je nach fortschreitender Fäulnis wurde die verwendeten Nägel immer länger! Ich habe aus dem Boden einen ca 12cm breiten Streifen heraus geschnitten.

In diesem Holz gaben auch lange Nägel keinen Halt mehr. An der vorderen Bodenplatte musste ich auch zwei gefaulte Stellen heraus sägen und durch neue Kiefer ersetzen

Da die Füße des gesamten Möbels eine grosse Last aufnehmen werden, habe ich mit der Lamellofräse und dem Harzgallenfräser die Unterseite an einigen Stellen bearbeitet und entsprechende Flicken eingeleimt. Das sollte die nötige Stabilität bringen.

Etwas Mühe hat es gemacht, die in die Seitenwände eingegrateten Laufleisten heraus zu bekommen. Wie in Teil 1 beschrieben, waren diese total eingelaufen. Über viele Jahrzehnte bewegt mit gehöriger Last drinne – wahrscheinlich Wäsche. Als Ersatz fertigte ich entsprechende Laufleisten aus Eiche. An der Unterseite der drei Schübe habe ich ebenfalls dünne Eichenleisten aufgebracht. Um die dafür nötige Vertiefung gleichmäßig hinzubekommen, musste ich eine Schablone für die Oberfräse basteln. Hat gut geklappt.

Die seitlich bei unsachgemäßer Reparatur angenagelten Verstärkungen (so zumindest gedacht) waren zu lang und haben die saisonale Bewegung der Seitenwände gesperrt. Nach deren Demontage konnte ich die beiden Risse in der einen Seitenwand wieder schließen.

Ein Schubfach musste ich komplett auseinander nehmen und neu verleimen. Auch dort wurden bei einer „Reparatur“ gewaltige Nägel rein gehämmert – ich habe nur selbstgeschnitzte Holznägel verwendet.

Danach ging es an die Oberfläche. An den Schubladenfronten habe ich fehlende Furnierstellen ergänzt und falsch restauriertes Furnier (Kirsche, falsche Maserrichtung) ersetzt. Ich hatte Starkfurnier in Nussbaum gekauft, die Maserung hat an den Schüben jedoch nicht gepasst. Von Dictum bestellte ich dann 5kg Reststücke Wallnuss und habe daraus Furnier selbst geschnitten.

Um das geschwungene seitliche Ende der Schubfächer bearbeiten zu können habe ich meine Werkzeugsammlung um ein paar Miniaturhobel für den Musikinstrumentenbau ergänzt.

Für die schwarz gefärbten Fronten der Quertraversen verwendete ich Kirsche. Die ergänzten Stellen und die losen Furnierstellen habe ich nicht gezählt – die Stunden, die ich dafür benötigte auch nicht.

An einer Seitenwand musste ich hinter dem vorhandenen Furnier vergammeltes Holz vorsichtig heraus holen und ersetzen.

Die grösseren Furnierergänzungen an einer Seitenwand, die man auf dem Foto sieht, sind beim Aufleimen durch den Knochenleim gequollen und mit dem Trocknen wieder eingelaufen, so dass sich sichtbare Spalte bildeten. Das wollte ich nicht so belassen. Da kam mein spezieller Grundhobel von Veritas zum Einsatz. Es gibt dafür sehr fein in der Breite einstellbare Einsätze, um Adern ins Furnier einlegen zu können. Den Hobel habe ich auf ein Holzbrettchen geschraubt, so dass ich ihn gerade an einem daneben aufgespannten Brett führen konnte. Das hat auch gut geklappt.

Eine neue Rückwand wurde nötig. Ein paar Uberbleibsel der alten Rückwand fanden dabei Verwendung und sind somit der Nachwelt erhalten.

Johannes hat zwei neue Füsse gedrechselt, die ich schwarz poliert habe.

Jetzt ging es ans Schleifen, die Farbretusche, Grundieren, Schleifen, Grundieren… Danach wird die Schellackpolitur aufgebaut, auch eine langwierige Prozedur.

Und das ist zwischenzeitlich auch geschafft. Noch mal die Schubfächer einpassen und die Laufflächen wachsen und die Rückwand montieren.

Alle neun Beschläge sind im Ulrtaschallbad unter Hinzugabe von Phosphorsäure gereinigt und poliert.

Morgen wird das Teil abgeholt. Dann mache ich mich ans Oberteil. Ein BiedermeierSofa ist inzwischen auch eingetroffen, morgen soll noch ein Spinnrad hinzu kommen.

Mit der Kommode bin ich zufrieden – war ein Haufen Arbeit. Nun ist sie für die Nachwelt erhalten.

Die ersten Blätter fallen. Es wird schon wieder Herbst…

Hier kann man seiner Meinung freien Lauf geben, nur zu!