Ein Barockmöbel fand den Weg in meine Werkstatt, dass mich länger beschäftigen wird. Es besteht aus einer mächtigen Kommode mit drei Schüben mit geschwungenen Fronten. Darüber befindet sich ein Schreibaufsatz mit zwei seitlichen Schüben und darüberliegenden herausziehbaren Ablagen. Dazwischen die Klappe als Schreibunterlage und dahinter zwei Reihen kleiner grob gearbeiter Schubladen. Und schließlich darüber ein Aufsatz mit mitttiger Tür (Tabernakel) und seitlich angeordneten Schubfächern. Oben befindet sich noch ein Fach, dass durch Hochziehen der Front geöffnet wird.
Der Korpus ist jeweils aus Kiefer gefertigt und an den nicht sichtbaren Flächen sind Säge- und Hobelspuren belassen. Die Sichtseiten sind mit Starkfurnier (2-3mm) belegt. Es wurde Nussbaum, Nussbaummaser, Ebenholz und gefärbter Ahorn verwendet. Das Möbel wurde wohl mehrfach überarbeitet und „repariert“. Die Beschläge würde ich dem Jugendstiel zuordnen. Die Oberfläche ist nach meinem Eindruck und Probe mit Schellack poliert – zur Zeit des Barock noch nicht in Verwendung.
Schadensbild: die Füsse der Kommode sind zerwurmt und teilweise verrottet. Von den hinteren fehlt einer, der andere ist unbrauchbar. Die vorderen (auch von Würmern angegangen) kann man nach entsprechender Behandlung für Hinten verwenden, zwei müssen nachgefertigt werden.

Vor allem im hinteren und unteren Bereich ist der Korpus verfault und vom Wurmfrass betroffen.

Etliche Stellen des Furniers sind lose, es gibt viele Fehlstellen und falsche Ergänzungen (falsches Furnier, falsche Maserrichtung). Ein Scharnier der Schreibplatte ist gebrochen, beide sind ausgeleiert. Für die sehr grob gearbeiteten Schübe im Mittelteil habe ich einen Mechanismus entdeckt, die Abdeckplatte fehlt. „Böse“ Nägel aus unsachgemäßer Reparatur gibt es überall.





Die eingenuteten Führungsleisten für die schweren Schubladen sind mächtig ausgelaufen – teilweise bis zu 10mm! Um das zu „reparieren“ wurden zusätzliche Leisten seitlich angenagelt. Diese Zusatzleisten waren zu lang, so dass die Konstruktion nicht mehr frei arbeiten konnte und eine Seitenwand zwei Risse bekam. Auch die Unterseite der Schübe sind bis zu fünf Millimeter ausgelaufen.



Zuerst habe ich mich ans Mittelteil (Scheibaufsatz) gemacht. Das war im Februar. Draussen war es kalt und Johannes hat für einen Auftrag große Teile der Werkstatt okkupiert – er erstellt dafür einen eigenen Gastbeitrag. Das Mittelteil ist das kleinste und am einfachsten zu handeln.
Also etliche Fehlstellen des Furniers ergänzt, lose Stellen mit Knochenleim wieder angelegt. Die Scharniere habe ich mit Hilfe meines Bruders gerichtet, geschweisst und neu vernietet. Ein paar Ausbrüche geschlossen und alle Schraubenlöcher verschlossen (da hielt keine Schraube mehr).
Dann wie immer Schleifen, neues Holz und ersetzte Furnierstücke in der Tönung angleichen, grundieren und danach Polieren, Polieren, Polieren.
Fertig wurde das im April.



Das vorhandene Schlüssellochschild sah nun doch zu sehr nach Gründerzeit aus.


Das habe ich durch ein passenderes von Hummel Kunstbeschläge ersetzt.
Heute waren es dicht vor 40 Grad Celsius. Da kamen einem die 28 Grad in der Werkstatt schon kühl vor. Ab und zu sorgte die Gartendusche für Abkühlung.
Die Restaurierung der unteren Kommode habe ich zwischenzeitlich begonnen. Dazu im Zweiten Teil mehr.