Bleiglasfenster

Die ersten Fotos entstanden im Treppenhaus eines Berliner Altbaus im Juli 2024. Das hat also gedauert! Drei in der Jugenstilzeit bleiverglaste Fenster waren zu restaurieren. Damit hatte ich bislang keine Erfahrung aber genug Neugier, den Auftrag anzunehemen. Die Flügel sind 2,20 m hoch und 1,2 m breit und vollständig verglast wiegen die einiges! Jeder Fensterflügel hat ein kleineres Lüftungsfenster. Insgesamt sind das 36 bleiverglaste Scheiben.

Es gab zwei Aufgaben: zum Einen musste die Stabilität der Fensterflügel wiederhergestellt werden. Besonders im unteren Bereich war das Holz stark angegriffen – mit ein paar Fotos werde ich das illustrieren. Ursprünglich waren an der Stelle der zwei mittleren fünf Scheiben eingesetzt; die Befestigungspunkte der vier Querstreben waren mit Kitt zugeschmiert.

Zum Anderen waren die Bleiverglasungen instabil, es fehlten einzelne Scherben und viele Glasteile waren gesprungen. Einige Stellen waren mit Silikon überschmiert und Fehlstellen mit PVC überdeckt. Das zweitere war also die größere Herausforderung.

Die einzelnen Bleiverglasungen mussten aus dem Kitt und waren zum Teil garstig genagelt. Das, was unter dem Kitt lag, war stark korrodiert. Angegegammeltes Holz habe ich weggefräst und ersetzt. Die zum Teil losen Holznägel habe ich ausgebohrt und die Verbindungen neu verleimt. Dabei habe ich das Fenster wieder in eine halbwegs quadratische Form gezogen. Nach meinem Dafürhalten sind die Dimensionen der Streben und Sprossen sämtlich zu klein. Bei dem Gewicht können die Verbindungen nicht stabil bleiben und das Fenster sackt über kurz oder lang ab.

Die drei Wasserschenkel habe ich durch neue ersetzt. Die dem Wetter am stärksten ausgesetzten unteren Bereiche habe ich mehrfach mit Holzverfestiger getränkt.

Parallel begannen die Arbeiten am Blei und am Glas. Zuerst habe ich Literatur und das grandiose Internet studiert, dann Materialien bestellt. Bleihaltiges Lötzinn (aus DDR-Beständen) gab es nur nach Vorlage des Gewerbescheins und in 5kg-Gebinden. Für das spezielle Werkzeug und verschiedene Materialien habe ich 600 Euro investiert. Das nötige Glas zu bekommen stellte sich als sehr schwer heraus. Für bestimmte Farbnuancen und die dazu gehörige Textur gab es keinen Ersatz. Der Händler sprach von Lieferzeiten aus den USA von sechs Monaten bis drei Jahren. Insofern habe ich möglichst ähnliches bestellt.

Jede einzelne Bleiverglasung musste zuerst gereinigt werden. Dort war über ein Jahrhundert Kohlenruss vorbei gezogen. Das korrodierte Material an den Aussenseiten habe ich fast vollständig durch ein neues U-Profil ersetzt. Die Scherben dazwischen liegen in einem H-Profil. An manchen Stellen war das gebrochen/gerissen und musste neu verlötet oder ebenfalls ersetzt werden. Mit dem Löten hatte ich nicht die grösste Erfahrung. Aus der Literatur wusste ich, dass es neben einer ordenlichen Reinigung und dem richtigen Flussmittel auf die Temperatur ankommt, um das zu verbindende Material nicht zu schmelzen. Dafür brauchte ich auch das bleihaltige Lot, da es einen niedrigeren Schmelzpunkt besitzt als handelsübliches Lötzinn. Es braucht trotzdem Übung und nach einer gewissen Lernkurve ging das relativ gut von der Hand.

Die fehlenden Gläser in Form zu schneiden erfordert ebenfalls Übung. Johannes, der von Zeit zu Zeit mitgearbeitet hat, kann das besser als ich. Mit dem richtigen Klebstoff und UV-Lampe habe ich etliche Bruchstellen zusammen bekommen.

Nachdem die einzelnen Scheibenelemente verlötet waren – auch Johannes hat sich das angeeignet – musste in alle Zwischenräume Kitt hinein. Man nimmt also Kitt, verdünnt ihn etwas mit Firnis und versetzt ihn mit etwas schwarzen Pigmenten (Holzkohle). Diese Pampe wird mit einem festem Pinsel durch stakes Reiben in die Ritzen auf beiden Seiten des Verbundes gedrückt. Danach werden die Bleiprofile mit einem Anreiber angedrückt und anschliessend das Ganze mit Sägemehl und Kreide gereinigt.

Die Fensterflügel haben wir in drei Etappen bearbeitet. Wenn alle Scheiben draussen waren und die Sanierung des Holzes abgeschlossen war, ging der Fensterflügel ins Nachbardorf. Dort befreite ein befreundeter Handwerker die Flügel von den Farbresten (soweit noch vorhanden) und versah sie mit einem neuen weißen Anstrich.

Nachdem die jeweils restaurierten Scheiben in den Fensterflügel eingekittet waren, ging es ans nächste Fenster. Inzwischen sind die drei Flügel wieder im Treppenhaus eingesetzt und erfreuen hoffentlich den Eigentümer und die Hausbewohner.

Über die Arbeit an den Fenstern (Zwischendurch gab es kleinere Projekte) sind die Jahreszeiten hinweg gegangen.

2 Kommentare zu „Bleiglasfenster

  1. Hallo Rainer,
    die Restaurierung des Bleiglasfensters war ja eine besonders kniffelige Arbeit.
    Mit wieviel Geschick und Geduld Ihr daran gegangen seid, alle Achtung!
    Das Ergebnis lässt sich sehen!

    Schöne Bilder sind es auch!
    Frohes Schaffen weiterhin und liebe Grüße aus Potsdam!
    Regine

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  2. Hallo Herr Speer,

    mit altem Silikon hatte ich bei einer Dusche auch zu tun gehabt. Kältespray hat nur wenig genutzt, aber professioneller Silikonentferner aus dem Sanitärfachhandel hat mir das Problem gelöst. War allerdings mit einer Kartusche für 30€ sehr teuer und wegen der nur schichtweisen Ablösung auch gut zeitaufwendig.

    Der Tip mit dem bleihaltigen Lötzinn war wieder super, denn ich habe noch etliche Stangen von meinem Vater im Keller und ein kaputtes Glasobjekt schreit nach einem niedrigen Schmelzpunkt.

    Mit freundlichen Grüßen Walter Raab

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