Stühle zu restaurieren ist immer eine besondere Herausforderung. Meist sind sie schon vielfach überarbeitet, mehrfach gepolstert mit allen dazu gehörenden Nagelspuren. Man findet leider oft grössere Schrauben, Winkel, Nägel und üblen Weissleim. Nägel und Schrauben sind dann meist so eingebracht, dass das Holz spaltet.

Ich habe von meinem Mentor gelernt, dass der Stuhlbau die hohe Kunst der Schreinerei ist. Es kommt darauf an, sehr grosse Kräfte mit wenig Holzverbindungen aufzufangen. Regelmäßig werden Stuhlbeine mit der Zarge deswegen mit Schlitz und Zapfen oder wie im vorliegenden Fall mit starken Dübeln verbunden. Das muss sehr genau passen damit die Leimfuge so klein wie möglich wird. Mit den Jahren des Gebrauchs wird so eine Stuhllehne natürlich stark beansprucht. Bei jedem Hinsetzen, Vor- und Zurückrücken des Stuhls (oder was sonst noch so gemacht wird…) bewegt sich die Konstruktion, der Leim wird spröde, bröckelt langsam heraus und der Stuhl zerfällt in seine Einzelteile. Das ist nicht schlimm. Man nimmt Knochen- oder besser Hautleim und zwingt den Stuhl wieder zusammen.

Schlimm wird es nur, wenn jeder mit dem gerade vorhandenen Handwerkszeug zur Sache geht und schraubt und nagelt, Weissleim (Polyvinylacetat) verwendet oder mit der Heissleimpistole sein Glück versucht. All das verschlimmbessert den Zustand alter Stühle! Moderne Leime werden erst seit der Neuzeit im letzten Jahrhundert eingesetzt. Ältere Stühle sind immer mit Glutinleim – also Haut- und Knochenleim – verleimt.

Nun habe ich neun Stühle bekommen die alle Eigenschaften unsachgemäßer Behandlung aufwiesen. Ich gehe davon aus, dass diese Exemplare mehr als 170 Jahre in den Knochen haben. Zur Bearbeitung war es notwendig, dass der Polsterer die Zargen der Stühle erstmal „nackig“ macht. Die hinteren Beine mit Lehne sind so aus Mahagoni gearbeitet, dass dicht oberhalb der Zarge die Holzmaserung schräg zur Lehne verläuft. Das ist der sensibelste Punkt dieser Stühle. Eigentlich ein Konstruktionsfehler. Die vorderen Beine werden aus vier Teilen gebildet: Oben ist ein quadratischer Quader, in den die Seitenteile und die vordere Zarge greift. Das eigentliche Bein bildet eine kannelierte Säule deren Basis ein gedrechseltes Teil bildet. Zwischen Säule und oberem Quader sitzt noch ein gedrechseltes Teil, zur Verbindung sind an die Säule Zapfen angedrechselt. Offensichtlich eine weitere Schwachstelle dieser Stühle, obwohl unten zwischen den Beinen noch ein Kreuz eingezapft wurde.

Vorsichtig habe ich die losen Teile mittels Zwingen, Wärme und Feuchtigkeit auseinander gezogen. Froh war ich, wenn das ohne größere Ausbrüche von Statten ging. An zwei Stühlen wurden – ich bezeichne das als martialisch – Dübel quer durch die vorhandenen Verbindungen gesetzt. Das hilft vielleicht kurzfristig, schwächt aber natürlich die gesamte Konstruktion Und man bekommt es zum neu verleimen auch nicht auseinander. Den Höhepunkt bildet jedoch ein Stuhl mit zwei – und hier reicht der Ausdruck martialisch eigentlich nicht mehr – kunstvoll dem Schwung der Lehne nachgebildeten dicken Flacheisen, die faktisch als „Schienen“ dienen sollten. Diese rostbraun gestrichenen Schienen wurden mit überdimensionierten Kreuzschlitzschrauben befestigt. Offensichtlich ohne vor zu bohren, so dass die schmalen Lehnen auch noch aufgespalten wurden! So etwas habe ich noch nie gesehen! Will ich auch nicht!

Ich habe die Schienen entfernt, alle Bohrlöcher mit selbst gefertigten Dübeln aus Mahagoni geschlossen und so gezwungen, dass die Risse geschlossen wurden. Ob das hält wird die Zeit zeigen, es macht einen hinlänglich stabilen Eindruck…

Bei allen Stühlen war die Verbindung zwischen der Zarge und den Säulen der vorderen Beine und das untere Kreuz zwischen Vorder- und Hinterbeinen lose. Die Demontage gestaltete sich unproblematisch. Jedoch war fast an allen Verbindungen Weissleim benutzt. Der ist schwer ab zu bekommen, muss aber weg, da Glutinleim und Weissleim keine vernünftige Verbindung eingehen. Deshalb sollte man auch nicht versuchen – siehe oben – alte Stühle mit Weissleim zu reparieren. Ich kann das gar nicht oft genug wiederholen….

Nach dem Verleihmen habe ich an manchen Stellen die mitgenomme Oberfläche etwas nach poliert. Zum Schluss habe ich die vielen Nagelstellen der Zargen zu deren Stabilisierung von unten mit hoch viskosem Kunstharz getränkt. Durch die starken Nägel für die Gurtbänder, die die Federn halten, waren die Zargen geschwächt und an vielen Stellen auch bereits gespalten. Das geht jetzt zum Polsterer und der haut dann die nächste Generation Nägel rein. Benutzen kann man die Stühle wieder, für eine Reise nach Jerusalem https://de.wikipedia.org/wiki/Reise_nach_Jerusalem taugen sie allerdings nicht.

5 Kommentare zu „Keine Reise nach Jerusalem

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