Das Örtchen Neulietzegöricke liegt 70 km östlich von Berlin, gleich an der Oder. In Sichtweite befindet sich der Wohnplatz – also nicht mal eine Siedlung, geschweige denn ein Dorf – mit dem Namen Zollbrücke. Wie der Name schon andeutet befand sich dort einmal eine Brücke. Die war aus Holz von den Bauern gebaut um ihre Ländereien in der Oderaue zu erreichen. Wer sonst noch drüber wollte, zahlte Zoll. Eisschollen haben die Brücke in die Ostsee getrieben, der Name blieb.

Zurück nach Neulietzegöricke: In den Geschichtbüchern heisst es, Friedrich der Große hätte das Oderbruch trocken gelegt. Aber es waren neben den Ingenieuren Menschen aus vielen Deutschen Ländern und aus dem damals mit Preußen in Personalunion regierten Schweizer Kanton Neuenburg. Dort wurde französisch gesprochen und so finden sich im Oderbruch Ortsnamen wie Beauregard, Vevais und Croustillier. Neulietzegöricke selbst wurde 1753 als langgestrecktes Straßendorf für Kolonisten angelegt. Als Grund für die Häuser diente der Aushub des zentralen Enwässerungsgrabens. Heute steht die Siedlung unter Denkmalschutz. Der Grossteil der Hauswände ist Fachwerk. Also ein schöner Ort!

Ein Malermeister im Ruhestand hat eines der Häuser gekauft und angefangen es zu sanieren. Nach unserem Eindruck macht er das schon einige Jahre. In Polen hat er eine neue Treppe aus Buche bestellt. Nach Fertigstellung und Einbau von ca. 90 Prozent hat er sich – so unsere Vermutung – mit den Auftragnehmern überworfen. Zumindest suchte er Leute, die das fertig stellen konnten. Mit dem von Zeit zu Zeit bei mir arbeitenden Johannes haben wir nach der Besichtigung erst einmal lange überlegt, dann doch ein Angebot abgegeben und nach Annahme des selben mit der Fertigung begonnen.

Zwei sehr massive Handläufe waren schnell hergestellt, es brauchte noch eine Sockelleiste und einen Pfosten. Das Drechseln der 22 Staketen konnten wir – Gott sei Dank! – auslagern. Der herausfordernde Part war die Vervollständigung einer mitten im Raum endenden Säule, um die sich die Treppe windet. Um den vorhanden Teil mit dem neuen zu verbinden musste ein „Überwurfring“ her und die Säule selbst brauchte oben einen Abschluss aus Vollholz, der an dem historischen Vorbild zu orientieren war. An diesem Teil musste einer der beiden Handläufe angearbeitet werden.

Also wurde gerechnet und beschlossen Ring und Säule jeweils aus 16 Segmenten zusammen zu leimen. An dem Ring konnten wir üben. 360 Grad dividiert durch 16 macht 22,5 Grad. Wenn man nur ein Zehntel Grad abweicht, summiert sich das auf eine Grösse, die nicht tolerabel ist, Spalten werden sichtbar. Nach zwei Versuchen mit Probestücken passte das.

Der Ring war auf der Drechselbank einfach zu bearbeiten. Aber wie spannt man eine hohle Säule von einem halben Meter? Die Lösung bestand aus zwei eingeleimten Kreuzen durch deren Mitte ein Rundstab gebohrt wurde, mit einem Dübel gegen Verdrehen gesichert. Die Fotos erklären das.

Den Block im oberen Abschluss der Säule haben wir zwischenzeitlich an den „Kubismus“ angelehnt und aus vier Teilen zusammen geleimt. Anschließend dann mit Säge, grossem Hohlbeitel und Hobeln in Form gebracht.

Der Einbau hat mit den nötigen Anpassungen zwei Tage in Anspruch genommen. Gestärkt haben wir uns in einem aus der Zeit gefallenem Dorfkonsum.

Für die schrägen Bohrungen im Handlauf kam meine kürzlich gebraucht erstandene Tischbohrmaschine zum Einsatz. Beim Winkel von knapp 45 Grad wird das tricky. Der Bohrer neigt dann doch zum Verlaufen.

Die Treppe ist nun fertig.

4 Kommentare zu „Treppe nach Osten

  1. Du bist ja Treppenspezialist geworden. Werde ich dem alten Sehmsdorf erzaehlen, vielleicht beauftragt er Dich auch mal wieder…. Gruß Thilo

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