Wie ich zum Holz kam

Der Berliner Eckensteher Nante (so etwas wie ein Gelegenheitsarbeiter mit der polizeilichen Konzessionsnummer 22) soll auf die Frage, worauf er denn warte, geantwortet haben: „Lebenslauf, ick wart auf Dir!“ Das fand ich derartig überzeugend, dass ich es zu meinem Lebensmotto genommen habe.

Die Idee für diese Zeilen kamen mir, als ich eine Ruine von einem Regal von der Wand schraubte. Ich fange früh an. In sehr jungen Jahren hatte ich im Schuppen in Falkensee ein Chemielabor und experimentierte viel herum, gern mit Schwarzpulver und anderem explosiven Zeugs. Gern hätte ich auch Nitroglycerin und Napalm hergestellt – zum Glück fehlten mir nach untauglichen Versuchen die technischen Voraussetzungen.

Ein ziviles Chemiestudium wurde mir von Studenten ausgeredet und so willigte ich in die aus heutiger Sich vollkommen wirre Idee ein, ein Studium der Militärchemie an der Offizierschule in Löbau zu beginnen. Ein Jahr zur Berufsausbildung in der Betriebsakademie im BUNA-Kombinat in Schkopau bei Halle waren dem Studium vorgeschaltet. Das waren fünf Tage die Woche normale Arbeit als Betriebsschlosser(Lehrling) und zwei Abende sowie Samstag Vormittag Schule. Der laut Lehrerschaft an der EOS „Georgi Dimitroff“ in Falkensee ungenügend ausgeprägte Klassenstandpunkt wurde in BUNA mit Blick auf den real nicht funktionierenden Sozialismus weiter geschwächt. Es waren damals die Zeiten der politischen Auseinandersetzung nach der Ausbürgerung Biermanns. Wohl auch aus diesen Gründen wollte ich meiner NVA-Zugehörigkeit ein möglichst zügiges Ende bereiten. Das erste Entpflichtungsgesuch (verpflichtet hatte ich mich für 25 Jahre!) stellte ich am 3. Tag an der Hochschule noch vor der Immatrikulationsfeier (nicht in einer Aula, sondern auf dem Apellplatz). Abgelehnt, dann ein Zweites und ein Drittes und ein Viertes. Es vergingen 11 Monate und auch dieses letzte Gesuch wurde nicht bewilligt, vielmehr wurde ich wegen „charakterlicher Schwierigkeiten und politischer Unzuverlässigkeit“ zum Soldaten degradiert. Unter anderem wusste der Politkommandeur, das ich das Friedenstreffen der evangelischen Kirche in Zittau besucht habe – wurde bei der „Friedensarmee“ NVA gar nicht gern gesehen… Die Degradierung wurde beim Morgenappell bekannt gegeben und galt ab 12.00 Uhr Mittag. Das war der bis dahin schönste Moment in meinem Leben!

Das war in Schkopau irgendwann im Frühjahr 1979. Eigentlich waren wir dort in zivil – das war dann vielleicht Tag der NVA (3.März). Ich stehe in der ersten Reihe, zweiter von rechts und habe das damals schon übertrieben mit dem braven Soldaten Schwejk.

Nach den verbleibenden Monaten im Grundwehrdienst (ganz scheusslich!) begann ich die nächste Kariere als kulturpolitischer Mitarbeiter in Potsdam. Das machte großen Spass und ich dachte, es wäre sinnvoll Kulturpolitik zu studieren. Aber die Vergangenheit hing nach. Nach drei Ablehnungen schlug ich dann einen Deal aus – ich hätte nur glaubwürdig erklären müssen, dass sich die „Investition des Staates in Sie“ (also mich) auch lohnen würde. Ein gesamtes Studium ohne politischen Zoff schien mir unwahrscheinlich. Danach kühlte sich auch das Verhältnis zwischen der staatlichen Leitung der Kulturhäuser und mir ab, was zuerst zu einer unfreiwilligen Versetzung und danach zu einem Aufhebungsvertrag führte. Was ich sagen kann: in diesen Jahren habe ich unheimlich viel gelernt und bemerkenswerte Menschen kennen gelernt.

Plötzlich Arbeitslos. In der DDR eigentlich nicht üblich – interessierte aber Niemanden. Mit einem Freund aus dem Jugendclub, in dem ich vor meiner Versetzung arbeitete, begann ich Stoffwindeln und Feinripphemden zu färben. Batik und bunt. Das packten wir in unsere Fahrradtaschen und fuhren zur Ostsee. Die Leute rissen uns das auf der Mohle in Warnemünde aus den Händen. Wie ich auf den Gedanken des Drechselns kam, weiss ich nicht mehr. Mein Bruder schweisste aus dicken Trägern eine Drechselbank zusammen und los ging es. Zuerst Kerzenständer dann Armreifen und später filigrane Fingerringe. Auch das liess sich gut verkaufen – nach einer Erlaubnis wurden wir nie gefragt. Als uns Kerzenständer zu langweilig wurden haben wir an vieren von Denen oben und unten ein Brett gesetzt und fertig war das Gewürzregal. Und das verkaufte sich besser – es war nur sehr schwer an Bretter zu kommen. So stibitzten wir Nachts manchmal ein paar Stück vom Hof einer PGH (übersetzt für Unkundige: Produktionsgenossenschaft des Handwerks). Entschuldigung dafür!

Ich will nicht zu ausschweifend werden. Über die Gewürzregale ging es zum Schloss Lindstedt, wir machten Holzrestaurierungsarbeiten und kumulierten unsere Werkstatt. Das Schloss hatte was davon und wir auch. Wir lernten über die Jahre sehr viel!

im Schloss Lindstedt

Mein Freund floh noch im Frühherbst 89 zu seiner Liebe in den Westen und die Wende bahnte sich ihren Weg. Die Werkstatt hatten wir im Frühjahr in die 2. Barocke Stadterweiterung in ein besetztes Haus verlegt. Mehr oder weniger wollte die damalige Führung das ganze Areal abreissen und Plattenbauten hinstellen. Das haben die nicht mehr geschafft, auch bürgerschaftliches Engagement trug dazu bei. Die Werkstatt habe ich dann Ende Oktober 1989 abgeschlossen um vier Monate ganztags Politik für die neu gegründete SDP (später SPD) zu machen. Daraus sind dann über zwanzig Jahre geworden. (Das Haus steht heute noch)

Potsdams alter Oberbürgermeister Bille links, gegenüber Detlef Kaminski und Manfred Kruzceck, ich dazwischen.Das muss im Winter zwischen 89 und 90 gewesen sein. Wir bildeten den Rat der Volkskontrolle um die Auflösung der Staasi zu beobachten.

Nach dem Ausflug in die Politik kam ich wieder zum Holz zurück. Neben meiner heutigen Werkstatt am Rande des Oderbruchs gibt es einen Unterstand („Laube“ genannt), davor steht die Feuerschale und der Schwenkgrill. Meiner Mutter Johanna habe ich 1984 zum 60. Geburtstag ein Küchenregal nach oben beschriebener Machart gebaut. Das hing bis nach ihrem Tod an Weihnachten 2008 in ihrer Küche. Danach habe ich es hier her gebracht und in die Laube gehängt. Nach einigen Jahren – zu schwer beladen – drohte es abzustürzen.

Was man auf diesem Bild nicht sieht: Ein Hausrotschwanzpärchen hatte hinter den Boxen ein Nest gebaut, die Eier aber nicht ausgebrütet. Ein ungünstiger Ort.

Zu Ehren meiner Mutter habe ich es wieder aufgearbeitet. Das obere Brett war aufgrund der einseitigen Belastung sehr gewölbt. Ich musste es auf die Werkbank pressen und die Unterseite zuerst begradigen um ein paar Gratleisten einsetzen zu können.

Am 19. Mai wäre meine Mutter 100 Jahre geworden!

Jetzt kann das Regal bis nach meinem Tod dort hängen!

Es ist der 1. Mai! Ich höre „Working Class Hero“. Danch geht es raus in den Frühsommer!

7 Kommentare zu „Wie ich zum Holz kam

  1. Hallo Rainer,

    Möbel kann man aufarbeiten. Danach sehen sie meist besser aus.

    Vergangenheit kann man nicht aufarbeiten. Die bleibt wie sie ist und wird von Tag zu Tag mehr.

    Herzliche Grüße

    Volker

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  2. Lieber Rainer, Mit vergnügtem Schmunzeln gelesen, Deinen Chemieschuppen kann ich mir gut vorstellen. Ich habe zu meiner Schulzeit auch Nitroglycerin hergestellt. Immerhin haben wir es geschafft, Löcher in Betonplatten zu sprengen-offensichtlich war unsere Mischung wirksam.

    Deine Militärgeschichten passen sehr zu meiner eigenen Vita in der Bundeswehr 1961 (Mauerbau), die ich mit dem Grad Soldat verliess. Doch diese Geschichten sollten einem Geschichtenabend vorbehalten werden.

    Beste Gruesse Germanus

    >

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  3. Lieber Rainer,
    da kommen doch Erinnerungen hoch!
    Und jetzt wird deine Karriere bei unserer geliebten NVA deutlicher, die übrigens am 1.März ihren Ehrentag hatte (nicht am 3.).
    Etliche der Leute sind mir noch sehr in Erinnerung, u.a. der OB Bille bin ich bei einer Veranstaltung 1989 in der FHP ( damals IFL) ziemlich hart angegangen wegen der Abrisse in der Dorfstraße.
    Das war zu der Zeit mein Hauptthema, weil es wirlich unseren Lebnsraum bedrohte, abgesehen von den ästhetischen Verirrungen der Arrchitektur damals.

    Herzliche Grüsse
    Christian

    DRUCKEREI RÜSS
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  4. Eine spannende Zeitzeugengeschichte – danke fürs Teilen!

    Als alte Ossi kann ich die Eigeninitiative (Batik usw.) gut nachvollziehen. Da kommen Erinnerungen hoch…

    Herzliche Grüße

    Daniela

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