In dieser Wiege ein Kind?

Es hat nur wenige genaue Blicke gebraucht, bis ich zu der Einschätzung kam: Das lohnt sich kaum! Jemand kam mit einer Wiege aus Eiche (neben anderen Möbeln im Gepäck) in bemitleidenswertem Zustand. Hier stimmt der Begriff des Scheunenfundes nicht, es handelt sich wohl eher um einen Hühnerstallfund. Große Teile der Wiege waren von Braunem Hausschwamm befallen. Der zerstört das Holz vollständig. Holzwürmer taten ein übriges.

Man kann durchsehen!

Die Wiege wurde viele Male „repariert“. Dabei kamen Nägel zum Einsatz, die wohl eher zum Wagenbau gedacht waren. Auch Schrauben von erheblicher Größe. Die Feuchtigkeit und der Hühnerdreck, dem die Wiege ausgesetzt waren führten dazu, dass die Metallteile stark korrodiert waren und mit der Gerbsäure im Holz reagierten. Das wird dann schwarz. Mehrere über die Zeit verloren gegangene oder abgefaulte Teile wurden durch Nachbildung in Kiefer oder an den Stollen durch Birke ersetzt.

Mein Vorschlag lautete also: ich baue eine neue Wiege!

Das überzeugte nicht wirklich. Also doch restaurieren.

Alle Dübel ausgebohrt, die Kufen abgesägt, die Einzelteile markiert und auseinandergenommen. Die Nägel waren festgerostet und ließen sich nicht komplett entfernen. Zum Teil konnte ich diese nur abflexen und etwas versenken. An den Seitenwangen war der Braune Hausschwamm besonders erfolgreich. Die Mittelteile habe ich herausgesägt und durch neues Holz ersetzt. Viele Löcher im Korpus waren mit einer weißen Masse gefüllt. Ich habe etliche Löcher ausgebohrt und mit Querholzdübeln verschlossen, die ich aus den Resten des originalen Holzes hergestellt habe.

Die vier Eckstollen waren unten vollständig hinüber. Ich habe beherzt abgeschnitten. Da die Schlitze für die Aufnahme der Seiten-, Kopf- und Fußteile sich trafen (also die Zapfen treffen 90 Grad aufeinander und berühren sich – ich weiss, das klingt wenig nachvollziehbar…) musste ich das Ersatzholzholz versetzt aufleimen um überhaupt etwas Leimfläche zu gewinnen (klingt vielleicht noch komplizierter – war es auch). Zur weiteren Stabilisierung wurden noch Holzflicken mit der Lamello eingeleimt.

Danach habe ich die Schlitze gefräst und nachgearbeitet und auf der Drechselbank in die ursprüngliche Form gebracht. In den kugelförmigen Köpfen der Eckstollen waren zugekittete Löcher, in die ich zuvor Dübel eingeleimt habe, um das in das Drechselfutter spannen zu können.

Einige Stellen an den Seitenwangen (wie weggefaulte Zapfen, Ausbrüche, durch Nägel zerstörte Teile) habe ich ersetzen müssen.

Von den vier oberen Schmuckelementen (eines war nicht original) an den Längsseiten waren nur zwei zu gebrauchen. Auch am Kopfende war der obere Abschluss in früherer Zeit durch Kiefer ersetzt. Ich fertigte Kopien in Eiche. Mit der Kopiersäge und Raspeln/Feilen hat das gut geklappt aber auch Zeit gebraucht.

Die Mittelteile an den Seitenwangen und alle fehlenden bzw. nicht mehr zu gebrauchenden Zierleisten musste ich nachfertigen. Entsprechende Fräser fand ich nicht und so habe ich mich mit verschiedenen Fräsern an die Form heran gearbeitet und das mit Hobeln nachgearbeitet.

Für die Kufen habe ich mich an den vorhandenen (die irgendwann mal in Kiefer nachgearbeitet wurden) orientiert. Ob das mit dem Original übereinstimmt, weiss ich nicht. Da aber auch die anderen nachgearbeiteten Teile den noch vorhanden entsprachen, kann man den Schluss wohl zulassen.

Die Eckpfosten mussten unten noch für die Kufen geschlitzt werden. Danach alles zusammengeleimt und neu verdübelt.

Das verbliebene angegammelte Holz – ich habe nicht alles ersetzt – habe ich mehrfach mit Holzverfestiger getränkt, so dass es stabilisiert wurde.

Danach habe ich ein Zelt gebaut und die Wiege über Nacht komplett in den Dampf von Ammoniak gestellt. Man nennt diesen Vorgang räuchern. Die Gerbsäure in der Eiche reagiert und dunkelt. So konnte der Farbton des neuen Holzes etwas angeglichen werden.

Zum Schluss einen neuen Boden für die Matratze (oder das Stroh!) gefertigt und zwei mal geölt. Hier Bilder von ein paar Resten:

Viel, viel Arbeit! Nun kann das Kind kommen!

Wir hatten im Sommer auch Nachwuchs.

Foto von Johannes Scholz

Die Bleiverglasten Jugendstilfenster sind inzwischen wieder im Berliner Mietshaus. Davon im nächsten Post.

6 Kommentare zu „In dieser Wiege ein Kind?

  1. Lieber Rainer, die Wiege ist wunderbar geworden! Auch schön, den Verlauf der Arbeit so bildlich dokumentiert zu sehen! Beste Grüße und frohes Schaffen! Regine

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  2. Sehr geehrter Herr Speer,

    ich genieße immer wieder Ihre „Projektberichte“ . Schön zu sehen, was aus eigentlich aufgegebenen Stücken noch werden kann! Ich beneide Sie um Ihre Werkstatt und lerne jedes Mal wieder etwas dazu. Dieses Mal war es das „Räuchern“ das ich bisher nur über Beizen gemacht habe.

    Gruß aus Frankfurt

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