Heute schreibt Johannes Scholz einen Gastartikel:

Das Brandenburger Haus (3277 m. ü. A.) ist eine Schutzhütte in den Ötztaler Alpen oberhalb des Gepatsch- und Kesselwandferners und gehört zur Gemeinde Kaunertal. Die Hütte bietet in der kurzen Sommersaison zu normalen Zeiten bis zu 75 Bergsteigenden ein sicheres Dach in dieser einmaligen Gletscherwelt. Sie ist Teil der Venter Sommerrunde, Ausgangspunkt für einige Hochtouren und Stützpunkt für die Sektion und Bergschulen in der „Eis“-Ausbildung. Im Winterraum finden bis zu zehn Personen als Selbstversorger einen warmen Platz.

Um den Erhalt der Hütte kümmert sich eine kleine Gruppe Berliner (überwiegend) der Sektion des DAV. Zwei Hüttenwarte halten die Gruppe zusammen und kümmern sich um technische Belange, Projekte, die Koordination der Arbeitseinsätze und vieles mehr. Zudem sind sie erster Ansprechpartner für die Hüttenwirte, die während des Sommers die Gäste willkommen heißen.

Die beiden, Uwe & Uwe, sind seit drei Jahrzehnten dort oben aktiv und kennen „ihr“ Haus in- und auswendig. Sie haben viel Zeit und Herzblut in das Haus gesteckt und alle wesentlichen Veränderungen, die notwendig und sinnvoll waren, initiiert und begleitet. Während dieser Zeit haben sie viele Wirte kommen und gehen sehen und unzählige Arbeitseinsätze mit unterschiedlichsten Teilnehmern geleitet. Nun kommt es, das sich die beiden entschieden haben, ihre aktive Laufbahn auf dem Haus mit diesem Jahr zu beenden. Der eingeschworenen Gruppe und dem Haus bleiben sie im Tal und aus der Ferne eng verbunden. Dort oben sind viele Freundschaften und Erinnerungen entstanden und unzählige Bilder dokumentieren ihr Wirken. Und an dem Punkt kommen wir zum Kern des Beitrags: Bilder sagen viel, Dreidimensionales sagt viel mehr. Die Idee eines Models des Hauses zur Erinnerung entstand.

Die Modelle sollen aus Holz sein, die Proportionen möglichst erhalten bleiben und im Ganzen detailliert aber nicht verspielt wirken, es wird nicht Teil einer Spielzeugeisenbahn. Nach eingehenden Studien des Grundrisses entsteht der Korpus aus einem Balkenabschnitt, der entsprechend abgerichtet wird. Die Anbauten auf der südwest-seitigen Terrassenseite komplettieren den Rohbau und werden später verleimt. Noch schaut es etwas profan aus.

Die Terrasse – in der großen Welt einer der besten Plätze in den Alpen – bleibt separat, das läßt sich besser transportieren. Das Kupferdach wird durch Sperrholz ersetzt und erhält eine Lasur, um der Patina des Kupfers nahe zu kommen.

Die Fenster sind im Großen wie im Kleinen ein einnehmendes Thema. Schon beim Aufstieg über den Gletscher leuchten die weißen Fenster mit den roten Diagonalbalken der geöffneten Läden. Sie sind ein ganz charakteristisches Erkennungsmerkmal des Brandenburger Hauses, welches sich auch im Modell entsprechend widerspielgeln soll. Die erhaltenden Arbeiten an den Fenstern des denkmalgeschützten Gebäudes nehmen jedes Jahr einen großen Teil der Tätigkeiten während des Arbeitseinsatzes ein. Seit vielen Jahren werden alte Fenster ersetzt oder aufgearbeitet, geschliffen und mit eigens präparierter Farbe auf Leinölbasis neu gestrichen. Einmal rundherum und dann geht es wieder von vorne los…

Für das Model haben wir uns für helle Fensterläden aus Ahorn entschieden, während das Dunkle des Fensterinneren mit einem Brandstempel erzeugt wird. Eine abgebrochene Mistgabelzinke wird quadratisch geschliffen und über einem Brenner erhitzt. Der heiße Stempel wird Stockwerk für Stockwerk auf die entsprechenden Positionen gedrückt und hinterläßt ein leicht verkohltes Viereck auf dem vorher dunkelgrau gefärbten Rohbau. Das Verleimen der kleinen Fensterläden gleicht einer fortgeschrittenen Meditationsübung: ein kleiner Tropfen Knochenleim, ausrichten und mit der gummierten Seite eines Bleistiftes kurz andrücken. Nachträglich werden die roten Balken der Läden aufgemalt; jetzt wirkt das Model schon ganz anders.

Eine kurze Überschlagsrechnung:
2 Häuser … je 50 Fenster … 90 Fensterläden … zwei rote Balken je Laden
= 360 rote Balken

Die Modelle nehmen immer mehr Form an, doch es fehlen ein paar wichtige Details. Auf dem Dach ragen sechs Schornsteine in die Höhe, von denen noch vier Züge aktiv sind. Jedes Jahr kommt der Schornsteinfeger und freut sich über den aufregenden Einsatz. Auf die Solarmodule verzichten wir bewußt.

Nachdem alle Teile montiert sind wird die Terrasse geölt. Der grau gefärbte Hauptteil des Gebäudes verbleibt ungeölt, da die Färbung ansonsten zu dunkel erscheinen würde. Ein wichtiges Element stellt die Brandenburger Flagge dar, die vor dem Haus zu ihrem kurzen Einsatz kommt. Jedes Jahr wird zur Hütteneröffnung eine neue Flagge gehisst, die dann im Laufe der Saison von Wind, Regen und Eis zerfetzt wird. Da darf eine Model-Flagge nicht fehlen, montiert wird sie oben auf einem Original-Stein aus der Umgebung des Hauses. Uns hat es Spass gemacht!

Wir wünschen den beiden viele gute Erinnerungen!

Die Übergabe hatten wir ursprünglich oben auf dem Brandenburger Haus geplant, es dann aber vorgezogen, die Angelegenheit unten im Tal auf der Terasse des Geierwalli Hofes https://www.geierwallihof.at zu absolvieren. So mussten die Transportkisten nicht mit dem Heli rauf und später wieder runter.

Nachbemerkung von Rainer:

Zum Neuen Jahr wird – vorausgesetzt der Vorstand des DAV Berlin bestätigt das – Johannes neuer Hüttenwart des Brandenburger Hauses. Er weiss dass Uwe & Uwe grosse Schuhe hinterlassen. Um so mehr ist er auf die Unterstützung der Sektion und engagierter Helfer angewiesen. Wer Interesse an einer Mitarbeit hat, kann sich gern bei mir melden – ich stelle dann den Kontakt zu Johannes her. Das Anforderungsprofil ist leicht definiert: Etwas Erfahrung am Berg ist gut, etwas mehr als eine Woche dauert der Einsatz Ende Juni, und von Kompostklo leeren bis Fenster streichen ist alles dabei. Dann kann man solche Tage nah am Himmel erleben:

aber auch solche:

4 Kommentare zu „Das Brandenburger Haus sieht von Fern ganz klein aus (und manchmal auch von Nah)

  1. Liebe Freunde, nachdem ich nun die sehr schön dargestellte Entstehungsgeschichte der kleinen Brandenburger Häuser gelesen und gesehen habe, ……einmal mehr meine große Bewunderung und nochmal ganz herzlichen Dank an Euch beide! Ihr habt uns mit dieser originellen Idee eine große Freude bereitet.
    Herzlichst Uwe

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