Sekretär Biedermeier Restaurierung Teil 1

Inmitten der Coronazeit beginne ich einen Biedermeiersekretär zu restaurieren. Das Teil ist nicht sehr liebevoll behandelt worden und ich würde es in die Kategorie Baustellenfund einsortieren.

Es handelt sich um einen Korpus aus Kiefer, die (leider nur einseitig!) mit Mahagonie furniert ist. An der Front wurden über alle Einzelteile hinweg zwei Blätter sehr schönes Pyramidenmahagonie verwendet. Sehr feine doppelte Bandintarsien geben dem Ganzen eine klassische Feierlichkeit.

Im Korpus befinden sich vier grössere Schübe unterschiedlicher Höhe. Die Schlösser und Schlüssel sind bis auf ein Rudiment nicht mehr vorhanden. Das größte Dornmaß eines Schlosses beträgt 122 mm! Das wird schwer zu besorgen!

Hinter der Klappe befindet sich eine mit grünem Billardstoff belegte und herausziehbare Schreibauflage mit Fächern für Schreibutensilien. Darüber ist ein Einschub mit weiteren sechs links und rechts neben einer Tür angeordneten kleinen Schubfächern. Dazwischen sind Halbsäulen mit einer Basis angeordnet. Darüber befindet sich über die gesamte Breite ein weiterer Schub.

Der Sekretär wurde mehrfach überarbeitet. Dabei wurden auch unsachgemäss Schrauben, Nägel und falsche Beschläge benutzt. Schwachpunkt der Konstruktion ist die Klappe mit dem Kippscharnier. Das ist eindeutig für diesen Zweck zu gering dimensioniert. An den Scharnierteilen ist mehrfach durch Hartlöten und Nieten herum gedoktort worden. Sie sind verbogen und teilweise gebrochen, die Platte ist an den dafür hergestellten seitlichen Einnutungen jeweils Oben und Unten ausgebrochen.

Eine furnierte Querleiste fehlt, an der Attika wurde das Furnier entfernt und halbwegs im Farbton das Trägerholz lasiert. Einige horizontale Flächen am Kopfteil wurden zum Abstellen nicht ganz schliessender Vasen verwendet, dort hat sich das Furnier abgelöst und verfärbt. Die Stellen, an denen Furnierausbrüche zu beklagen sind, habe ich nicht gezählt.

Die mangelhafte Konstruktion habe ich oben schon angedeutet. Durch die Belegung des Trägerholzes nur auf einer Seite kommt es zu Verzug. Die grösseren Schubladenfronten haben sich stark nach Aussen gewölbt (im Inneren kann das Arbeiten, Aussen nicht). An den Seitenwänden gibt es Risse. Die zentrale Platte ist in Rahmenbauweise erstellt. Hier fehlt ein Sperrfurnier unter dem Deckfurnier, so dass auch hier starke Risse zu Tage getreten sind. Das Gesims wurde an den Seiten aufgeleimt, kann aber durch die unterschiedliche Ausdehnung von Quer- und Längsholz nicht halten. Hier wurde mit Nägeln und Schrauben nachgeholfen. Immer ein großes Ärgernis – die filigran furnierten Leisten werden beschädigt und die Werkzeuge des Restaurators auch. Der hat dafür immer ein paar ausrangierte Stechbeitel im Schrank.

Was ist zu tun? Um die Arbeiten im wirtschaftlich verträglichen Rahmen zu halten, werde ich nicht versuchen, alle Abweichungen vom Originalzustand zu eleminieren. Zuerst habe ich demontiert, was geht. Festzustellen ist, dass die Kollegen damals sehr guten Leim hatten! Das hat mich beeindruckt. Den oberen Aufbau habe ich nur nach einigen Anläufen trennen können. Jetzt kann ich an den einzelnen Teilen besser arbeiten.

Die Risse vorn und an den Seiten werden bleiben. Ich habe mich daran gemacht, lose liegendes Furnier mit Glutinleim zu festigen. Inzwischen habe ich ein sehr schönes Blatt Pyramidenmahagoni bei Furnier-Lehmann gekauft. Einundeinhalb Quadratmeter für fast 115 Euro. Das ist von der Stärke fast wie das Original, also knapp einen Millimeter stark. Damit kann ich die zwei kompletten Fehlstellen belegen und die vielen Ausbrüche beseitigen.

Die stark nach Aussen gewölbten Schubladenfronten habe ich nur ein wenig in Form bringen können. Die Innenseiten habe ich über 12 Stunden feucht gehalten und dann so gut es ging Leim in die verdeckten Schwalbenschwanzverbindungen gedrückt und lange gepresst.

Mit der Hilfe meines Bruders sind die defekten Scharnierteile wieder halbwegs nutzbar. Aufstützen an der ausgeklappten Platte beim Aufstehen ist in Zukunft strengstens untersagt!

4 Antworten auf „Sekretär Biedermeier Restaurierung Teil 1

  1. Was wäre das Holzwerken ohne Herausforderungen…… aber gleich die Messlatte so hoch?
    Aber du weißt was du tust. Ich freue mich schon auf den nächsten Bericht?

    Im Juni ist leider wegen Corona der Antikmarkt in Neuötting abgesagt. Da ist immer ein Händler der hat einen Tisch mit hunderten von alten Schrankbeschlägen und Schlösser. Hätte gut sein können, dass man bei dem Händler das Schloss bekommen hätte.

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  2. Ein bisschen verrückt bist du aber schon, oder? Das sieht nach langwierigen Arbeiten aus. Gutes Gelingen und einen guten Wochenstart…

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